60 Stadien bis nach Emmaus

Die Erzählung von den beiden Jüngern auf dem Weg nach Emmaus findet sich in der christlichen Bibel nur im Lukas-Evangelium. Sie lässt viele Fragen offen: Wer war der zweite Jünger, dessen Name nicht genannt wird? Wo lag Emmaus, von dem es heißt, es wäre 60 Stadien (11,5 Kilometer) entfernt? Warum gingen Jünger von Jeschua zwei Tage nach seinem Tod an einen in der Bibel sonst nie erwähnten Ort?

Meine Geschichte enthält Antworten auf diese und andere Fragen. Ich habe dabei Wert darauf gelegt, dass diese Antworten plausibel sind – ich erfinde nichts, was nicht durch die Forschung zumindest als Möglichkeit gedeckt ist. Ein besonderes Problem ist dabei die Wegstrecke. Zwei Stunden oder 60 Stadien zu Fuß aus Jerusalem gibt es keinen Ort, der als Emmaus identifizierbar wäre. Das von mir genannte Moza (vergleiche dazu Rainer Riesner: Emmaus in Judäa) ist von der Stadt eher 7 bis 8 Kilometer entfernt. Ich schlage deswegen vor, die Strecke anders zu zählen: von Bethanien, wo nach dem Tod von Jeschua meiner Meinung nach der Großteil seiner Anhänger zusammengeblieben war, passen die 60 Stadien ganz genau. Ich bin den Weg selbst im Sommer 2018 nachgegangen, soweit dies möglich war, denn er wird heute durch die Mauer zwischen Israel und den besetzten Gebieten unterbrochen. Dem biblischen Bethanien, wo die drei Geschwister Eleazar (Lazarus), Martha und Maria lebten, entspricht heute Al-Eizariya.

Die Figur des Naqdimon entspricht der Figur des Nikodemus im Johannes-Evangelium – ich verwende in der Regel die jüdischen (hebräischen oder aramäischen) Namen statt der griechischen, soweit sich das ohne Verwirrung durchhalten lässt. Es war vor allem Richard Bauckham, dem ich hier, wie im Grunde von Beginn dieses Projekts an, wesentliche Anregungen verdanke.

Als Grundprinzip von WEGE DER WAHRHEIT gilt: ich erzähle strikt aus der Perspektive der Menschen. Es gibt keine Wunder im übernatürlichen Sinn, sondern allenfalls Wundererfahrungen. Ob Jesus bzw. Jeschua tatsächlich auferstanden ist und in leiblicher Gestalt erschienen ist und sogar mit den Jüngern gegessen hat, wie es die Bibel erzählt, ist für mich keine entscheidende Frage.

Die Menschen, die Jesus kannten und folgten, haben nach seinem Tod etwas erlebt und diese Erlebnisse gedeutet. Sie waren nicht vom Ostersonntag an Christen, sondern wurden das erst ganz allmählich, in einem kommunikativen Prozess, über den wir im Detail sehr wenig wissen. Diese Geschichte versuche ich erzählerisch nachzuvollziehen, und folge dabei nach Möglichkeit den Erkenntnissen der historischen Wissenschaften.

Jochen Bordwehr: Emmaus. Wege der Wahrheit 2 (2020)

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